Bahnen im Rheinland 
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Eine HF 50 B
beim Quarzwerk in Horrem

 

Horrem bot (und bietet) dem Eisenbahnfreund vielerlei zu sehen und zu erforschen. Abwechslungsreich war der Hauptbahnbetrieb auf der Strecke Köln–Aachen mit Reise- und Güterverkehr sowie den belgischen Elloks der Baureihen 16 und 18. In Horrem zweigt die in Form eines Gleis-Dreiecks angeschlossene Strecke nach Bergheim ab, auf der in den 70er Jahren noch Schienenbusse der Baureihe 795 fuhren, später Akku-Triebwagen der BR 515 und Dieselloks des Bw Köln-Nippes. Nicht zu vergessen die heute stillgelegte Strecke nach Kerpen. Andeutungen der Streckenführung der Bergheimer Kreisbahn konnte man in Horrem nachspüren (in den 1970er Jahren kannten Anwohner noch den Standort des Bw Horrem). Aber auch die Reste der dortigen Brikettfabrik und ihres Gleisanschlusses waren zu sehen, auf dem bis in die 1960er Jahre Dampfspeicherloks liefen. Und dann gab es da in den 70ern noch einen bemerkenswerten kleinen Bahnbetrieb: „Westdeutsche Quarzwerke Dr. Müller GmbH Werk II Horrem“.

Aus der nahe gelegenen Quarzsandgrube führte ein Gleis, 600 Millimeter Spurweite. Nach einer Rechtskurve folgte ein Bahnübergang über die Josef-Bitschnau-Straße, dann eine scharfe Linkskurve und nach einer beachtlichen Steigung schließlich ein Sturzgerüst unmittelbar neben einem Seitengleis des DB-Bahnhofs. Jenseits der Josef-Bitschnau-Straße existierte ein Silo- oder Aufbereitungsgebäude, das von (soweit ich mich erinnere) zwei oder drei Schmalspurgleisen unterfahren wurde. Die Gleise dorthin zweigten nach der Grubenausfahrt nach links ab.

Eine „Hohlgang-Lokomotive“

Am 11. Juli 1977 stand endlich mal ein Quarzwerk-Zug „draußen“. An der Diesellok waren keine Fabrikschilder zu entdecken. Es handelte sich um eine Maschine vom Typ HF 50 B, von denen die meisten ab 1941 als „Hohlgang-Lokomotiven“ an das OKH (Oberkommando des Heeres) der „Deutschen Wehrmacht“ geliefert wurden („Hohlgänge“ = Stellungen). Im ursprünglichen Zustand ragte das Führerhaus der sehr niedrigen Loks kaum über den Motor-Vorbau hinaus. Als nach dem Zweiten Weltkrieg HF 50 B-Maschinen zu privaten Unternehmen kamen, erhielten zumindest einige von ihnen höhere Führerhäuser (oder nur ein entsprechendes aufgesetztes Teil) unterschiedlicher Bauart und Höhe; die Lokführer dürften das begrüßt haben. Die Horremer Lok zeigte sich mit der neuen, aber trotzdem noch recht niedrigen Variante.

Die Maschine wurde 1983 vom Feld- und Kleinbahnverein Nidderau übernommen. Ihre Identität ist bis heute unklar. In Kennings „Bahn-Nostalgie“ von 1999 ist sie angegeben mit „Gmeinder 3946/1942(?)“, also hat auch ihr jetziger Besitzer keine eindeutigen Hinweise. Zur Gmeinder 3946 findet sich bei Gottwald (Heeresfeldbahnen) die Angabe, sie sei „gel[iefert] an OKH“, Verbleib: „Westdeutsche Quarzwerke Dr. Müller GmbH, Werk I, Dorsten“. Die Angabe „Dr. Müller, Dorsten“ bestätigt Bahn-Express 4/1983, der die Lok mitsamt den Schwestermaschinen Gmeinder 3947 und 3955 im Jahr 1972 in Dorsten verzeichnet. Bahn-Express 1/1985 vermutet, die drei seien von Dorsten „anscheinend an das Horremer Werk gegangen“.

Von Richard Winter über Dr. Müller zur EUROQUARZ

Die Sturzrampe in Horrem trug an ihrer westlichen Seite die Beschriftung „Richard Winter/Horrem Bez. Köln“. Dieses Unternehmen ist Werkbahnfreunden vor allem im Zusammenhang mit dem rheinischen Braunkohlerevier bekannt. Einige Dampfloks von R. Winter standen noch bis in die 1980er Jahre auf Spielplätzen im Erftkreis. Da EUROQUARZ (so die die heutige Firmierung der Westdeutschen Quarzwerke Dr. Müller) freundlicherweise ausführliche Informationen an BiR übermittelte, kann hier die Geschichte des Horremer Werks seit 1960 dargestellt werden.

Unmittelbar von Adele Winter, Nacherbin von Richard Winter, erwarben die Westdeutschen Quarzwerke am 12.10.1960 das Horremer Werk, das damals unter der Firma Richard Winter, Horrem, betrieben wurde. Adele Winter räumte den Westdeutschen Quarzwerken das Recht ein, die Firma fortzuführen – daher folgte die neue Bezeichnung „Richard Winter Horrem, Inhaber: Westdeutsche Quarzwerke Dr. Müller GmbH“. Weil eine Einzelfirma aber nicht durch eine GmbH fortgeführt werden kann, ließen die neuen Eigentümer alsbald Schilder der Westdeutschen Quarzwerke Dr. Müller GmbH Werk II Horrem aufstellen.

Im Juli 1990 wurde das Werk Horrem geschlossen, weil das zum Abbau genehmigte Mineralvorkommen erschöpft war. Für den mittlerweile unter Bergaufsicht gestellten Tagebau Horrem genehmigte das damalige Bergamt Köln (heute Bergamt Düren) die Verfüllung. Die Aufbereitungsanlagen wurden weitestgehend demontiert. Nach wie vor steht das Gelände im Eigentum der vormaligen Westdeutschen Quarzwerke Dr. Müller, die wegen ihrer europaweiten Geschäftsaktivitäten im Januar 2001 in EUROQUARZ GmbH umfirmierten.

Da Deponiebetrieb nicht die ureigenste Aufgabe dieses Unternehmens ist, baute es im Zuge der Maueröffnung in Ostdeutschland zur weiteren Mineraliengewinnung das Werk Ottendorf-Okrilla auf. Um seine Kräfte nicht zu zersplittern, gründete EUROQUARZ zusammen mit GVEB Engel (Köln-Porz) die Firma Deponiegesellschaft Horrem Dr. Müller GmbH, die jetzt den Betrieb auf dem Horremer Gelände durchführt.

Besonders bekannt unter Eisenbahnfreunden war das Werk Dorsten der Westdeutschen Quarzwerke. Dort wurde das gewonnene Vorkommen mit einer Grubenbahn und einer O&K-Diesellok ins Aufbereitungswerk transportiert. Aus verkehrstechnischen Gründen (Gewinnung des Sandes und Kieses unter der Bahntrasse) endete der Bahnbetrieb mangels anderweitiger Anschlussgenehmigungen dort Anfang 2000.

Lassen Sie sich nun mit einigen Fotos zur Dr.-Müller-Bahn in Horrem zurückversetzen. Wir schreiben den 11. Juli 1977.

 

 

Zug des Quarzwerks Horrem

Bereit zum nächsten Einsatz: Die HF 50 B des Quarzwerks Horrem. Die beiden hinteren Loren stehen unter einer einfach gebauten Befüllungsanlage.

 

HF 50 B des Quarzwerks Horrem

Noch zu erkennen ist die den Motorraum nur wenig überragende ursprüngliche Höhe des Führerhauses, ebenso das keilförmige, tiefliegende und jetzt verschlossene alte Fenster an dessen Vorderseite. Rechts abzweigend: das Gleis zum Silo-Gebäude, links die Josef-Bitschnau-Straße.

 

Quarzwerk-Zug auf der Horremer Sturzbühne

Auf der Sturzbühne: Zwischen den Stützpfeilern die Schütt-Vorrichtungen, durch die aus den Kipploren der Quarzsand in DB-Waggons rieselt.

 

Quarzwerk-Zug auf dem Bahnübergang

Sommerhitze: Leichte Kleidung war den Temperaturen am 11. Juli 1977 durchaus angemessen. Vorschriftmäßig wird der Bahnübergang Josef-Bitschnau-Straße während der Fahrt zum Sturzgerüst gesichert, hinten das Silogebäude.

 

211 053 zieht 50 1724 durch Horrem

Sturzbühnen-Stilleben: DB-Diesellok 211 053-4 zieht am 18.04.1985 die Museumslok 50 1724 durch Horrem. Die Dampflok gehörte damals dem Eisenbahn-Amateur-Club Jülich (EAKJ), seit 1998 ist sie Eigentum der „Steilstrecke Linz – Kahlenborn der Eifelbahn Verkehrs-GmbH“.

 

 

Die HF 50 B als Modell

 

Im Maßstab 1:45 baute Jürgen Wedekind ein Modell der HF 50 B. Es besteht komplett aus Messing und verfügt über einen Faulhabermotor, gefederte Puffer u.s.w.

Als Vorbild für das Modell diente die Gmeinder-Lok mit der Fabriknummer 4252. Sie wurde 1945 als Windhoff-Verlagerung von Gmeinder für den Eisenbahnpionierpark Rehagen/Klausdorf gebaut. Vermutlich ist sie nicht mehr dorthin geliefert worden, denn sie wurde nach dem Krieg über einen Nürnberger Händler an die Erste Bayrische Basaltstein AG verkauft. Die Lok lief im Werk Steinmühle und wurde den dortigen Anforderungen angepasst (Spurweite 700 mm, geräumiges Führerhaus u.s.w.). 1985 wurde die Lok an einen Privatmann verkauft, der sie zur Museumsbahn Abreschviller in den Vogesen brachte. Dort wurde die Lok um 1999 restauriert; mittlerweile ist sie sicher wieder im Einsatz.

 

 

HF 50 B-Modell von Jürgen Wedekind

Wunderschön...  Das hervorragend detaillierte 1:45-Modell der HF 50 B, gebaut von Jürgen Wedekind. Man beachte unter anderem die Lagerung der Radsätze im Rahmen mitsamt der Federung sowie die feinen Griffstangen. Auch die Kipplore ist wohlgelungen. (Foto: Jürgen Wedekind)

 

 

Literatur

  • Gottwald, Alfred B.: Heeresfeldbahnen. Bau und Einsatz der militärischen Schmalspurbahnen in zwei Weltkriegen. Stuttgart (Motorbuch Verlag) 1986. Seiten 194 bis 198.
  • Bahn-Express. Magazin für Werkbahnfreunde. Nr. 4/1983. Kiel 1983. Seiten 27, 30 und 32.
  • Bahn-Express. Magazin für Werkbahnfreunde. Nr. 1/1985. Kiel 1985. Seite 36
  • Kenning, Ludger: Bahn-Nostalgie Deutschland 1999. Nordhorn (Verlag Kenning) 1999. Seite 259.
  • Weisbrod, Manfred; Obermayer, Horst: Baureihe 41. Fürstenfeldbruck (Hermann Merker Verlag) 1984. (= Eisenbahn Journal, Sonderausgabe). Seite 27, Bild 36. [Bringt ein Farbfoto der DB-Dampflok 41 366 vor Güterzug in Horrem, Mai 1966. Links im Bild das Sturzgerüst, allerdings ohne Quarzwerk-Zug.]
     
  • Leider erst angekündigt: „Diese [schmalspurigen] Heeresfeldbahn-Lokomotiven sollen später in einem zweiten Band zur Wehrmachtslokgeschichte ausführlich beschrieben werden“ [Lauscher, Stefan: Die Diesellokomotiven der Wehrmacht. Die Geschichte der Baureihen V 20, V 36 und V 188. Freiburg (EK-Verlag) 1999. Seite 21.] – Ich bin gespannt (bei der exzellenten Qualität des bereits vorliegenden Bands kein Wunder).

 

Für Informationen danke ich Dr. Matthias Nomayo, Verkaufsleiter der EUROQUARZ GmbH, sowie Frau oder Herrn Müller vom dortigen Sekretariat. Eine Darstellung der Geschichte der Westdeutschen Quarzwerke Dr. Müller finden Sie auf der Internet-Site von EUROQUARZ (dort unter „Das Unternehmen“), wie die Firma heute lautet.

 

Autoren dieses Beitrags: Joachim Biemann sowie (Text- und Bildautor des Kapitels über das Modell) Jürgen Wedekind (Bildtext: JB)
Online: 02.05.2000
html-Status: 05.06.2010

 

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